Perspektivwechsel

Perspektivwechsel

„Erst formen wir unsere Räume, dann formen sie uns.“ Sir Winston Churchill

Gebäude, die wir heute planen, sind Prognosen wie wir in Zukunft leben werden. Damit Prognosen, wie unsere vielfach kritisierten Wetterberichte, nicht notwendigerweise immer falsch liegen müssen, sollten wir uns bereits heute mit den Anforderungen von morgen auseinandersetzen. Wir sollten Trends im Sinne von Zukunftsanforderungen und Einflusskräften auf Systeme erkennen und lernen in Szenarien zu denken. Perspektivwechsel sind gefragt, denn Trend und Gegentrend treten meist als Paar auf. So bedeuten Digitalisierung, Virtualität und die damit verbundene wachsende Komplexität einerseits Anforderungen wie Offenheit und Transparenz, Vernetzung und Demokratisierung, führen andererseits aber auch zur Sehnsucht nach Sicherheit und Vertrauen, Haptik, Echtheit und Einfachheit. Die viel beschriebene Individualisierung führt zugleich zur Sehnsucht nach Resonanz und einer neuen „Wir-Kultur“. Dies hat Folgen für unsere virtuellen und unsere realen Räume. Hotels als Kristallisationsorte für Trends und zugleich Härtetest für Produkte machen uns dies bereits heute vor. Können wir von ihren Perspektivwechseln lernen?

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Natur und Gesundheit stehen an erster Stelle des aktuellen Werteindex des trendbüros, gleichzeitig verbringt der Mensch aber immer mehr Zeit in Innenräumen. Wenn nun doch der Mensch der Grund ist, wofür wir planen und bauen, sollten wir ihn dann nicht wieder in den Mittelpunkt unseres Denkens und Handelns stellen? Sollten wir nicht von innen statt von außen denken? Sollten wir nicht im Maßstab 1:1 entwerfen und planen, statt uns linear vom großen in kleinere Maßstäbe zu skalieren, in denen lange der Mensch nicht einmal sichtbar ist? Sollten wir nicht von den Gestaltern und ihren Methoden lernen? Der individuelle Mensch als Bauherr fordert heute bereits von Anfang an mittels AR/VR in den Planungsprozess integriert zu werden, stellt dann aber auch Produktkriterien an unsere Architekturen. Können wir als Architekten damit umgehen oder sind nicht auch hier Perspektivwechsel erforderlich? Perspektivwechsel, die nicht allein die Rolle des Architekten verändern werden, sondern die des gesamten Ökosystems des Bauens. Von der Arbeit als Einzelautoren zum Arbeiten in interdisziplinären Netzwerken und Kollaborationen. Vom Fokus auf das eigene Produkt zu neuen Geschäftsmodellen im Sinne von Plattformen und Serviceprovidern für den Nutzer. Von der Produktentwicklung von vorne zu der von hinten durch Recyclinganforderungen bis Rücknahmeverpflichtungen. Von der Massenproduktion zu „customized“ Lösungen für das granulierte Individuum. Wie sieht nach diesem Perspektivwechsel der natürliche, gesunde und individualisierte Raum der Zukunft aus?

Aber Zukunft braucht auch Herkunft. So geht es neben dem Blick in die Zukunft auch um den in die Vergangenheit, um ein Lernen aus der Geschichte. Tageslichtarchitektur und Transparenz im materiellen und im übertragenen Sinne haben eine lange Entwicklungsgeschichte von der Gotik bis zur Nachkriegszeit. Herausragende Architekturen sind in jeder einzelnen Epoche zu finden. Innovationen fanden hier stets im Spannungsfeld technischer Entwicklungen und gesellschaftlicher Veränderungen statt. Brüche führten immer wieder zum Verschwinden von Techniken und damit auch von wesentlichem Kulturgut. Sollten wir nicht versuchen an diese historischen Entwicklungslinien wieder anzuknüpfen und zu zeigen, dass Innovationen nicht nur disruptiv, sondern auch evolutionär möglich sind? Beweist uns nicht der aktuelle Trend „handmade“ und das Wiederaufleben des Handwerks im Sinne Richard Sennetts, dass ein Aufgreifen historischer Entwicklungslinien genau die Antwort auf die Zukunftsfragen und Sehnsüchte der Menschen nach Qualität, Regionalität, Ressourcenschonung, Echtheit und Haptik, Stabilität und Substanz, Begreifen und Erfassen liefern kann?

Tageslichtarchitektur hat Herkunft und Zukunft zugleich. Mit Tageslicht zu gestalten bedeutet nachhaltig, ressourcenschonend und gesund zu gestalten. Es bedeutet Perspektivwechsel zu berücksichtigen zwischen Stadt und Land, Tag und Nacht aber auch zwischen Licht und Schatten. Sprechen wir im Zuge des Klimawandels vielleicht auch künftig von Schattenarchitektur? Wie auch immer die Anpassung erfolgen wird, so erfordert eine gute Tageslichtarchitektur ein kollaboratives Arbeiten. Und sie erfordert insbesondere auch eine profunde Materialkompetenz, um die Wechselwirkungen zwischen Licht, Farbe, Oberfläche und Raum bewusst gestalten zu können. Sollten wir nicht in diesem Sinne doch vielleicht auch vom Handwerk lernen?

„Gebäude und Städte sind soziale Tatsachen, die sich räumlich formen.“ Georg Simmel

Wenn wir Entwerfen als Kulturtechnik und nicht als rein künstlerischen Schaffensprozess begreifen, ist diese stets von den kulturellen Aprioris ihrer Zeit abhängig. Wenn wir in diesem Sinne auch Digitalisierung als kulturelle Transformation verstehen, wird diese dann auch Folgen für unsere Räume, Gebäude und Städte haben. In einer zunehmend virtuellen Welt geht es mehr denn je um den identitätsstiftenden Kontext. Identität entsteht durch Partizipation, die die Gesellschaft seit langem fordert. In unseren mehr und mehr verdichteten Städten geht es mehr denn je heute und in Zukunft auch um eine neue Aufenthaltsqualität des öffentlichen Raums für eine neue „Wir-Kultur“. So sehr wir auch fordern, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, so geht es gleichzeitig aber auch immer darum, in größeren Systemen zu denken, die auch die Gesellschaft in den Mittelpunkt stellen. Ist es doch uns aller Aufgabe im aktuellen Kondratieff-Zyklus: die Lösung der Probleme der Mitwelt und damit eine ganzheitliche Gesundheit von Mensch und Umwelt. Welchen Beitrag herausragende Tageslichtarchitektur hierbei leisten kann, finden Sie in dieser Ausgabe von Come-inn.

Auszüge veröffentlicht im SG Glass Magazin Come-Inn Fokus Tageslicht

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