Die obsolete Stadt – Wege in die Zirkularität
Das Forschungsmanifest zeigt auf, wie tiefgreifend die großen Megatrends die urbane Infrastruktur verändern und welche bislang ungenutzten räumlichen Potenziale daraus entstehen.
Vom Kaufhaus über das Kino bis zu Kirche und Tankstelle – immer mehr Gebäudetypen fallen aus der Nutzung. Treiber dieser Entwicklung sind die Megatrends Digitalisierung, Verkehrswende und Wandel der Religiosität.
Vielfältige Umnutzungsprojekte belegen bereits das zirkuläre Potenzial dieser obsoleten Typen. Vor dem Hintergrund der planetaren Grenzen dürfen diese
Obsentials keinesfalls dem Abriss anheimfallen. Vielmehr wird das Obsolete zur Voraussetzung und entscheidenden Ressource einer zirkulären Entwicklung. Wesentlich ist ein Perspektivwechsel von der Bauwende zur Stadtwende, denn es reicht nicht aus, Haus um Haus umzunutzen, ohne das große Ganze im Blick zu haben. Anhand von 12 Grundsätzen der zirkulären Stadt wird gezeigt, wie dies gelingen kann.
Das Buch zeigt Möglichkeiten zur Eindämmung von Bodenspekulation und zur Förderung des Gemeinwohls auf. Wenn sich die Bundes- und Landespolitik ihrer Verantwortung stellen, könnten obsolete Systeme zu einer nachhaltigen Quelle für positive Veränderungen werden.
„Die obsolete Stadt – Wege in die Zirkularität“ basiert auf einer klaren These: Die zentrale Herausforderung urbaner Entwicklung liegt nicht mehr im Bauen neuer Strukturen, sondern im Umgang mit einer massiv alternden, ausfransenden und zunehmend dysfunktionalen urbanen Infrastruktur. Parkhäuser, Tankstellen, Bürokomplexe, Produktionshallen, Einkaufszentren, Kirchen und Friedhöfe – sie alle sind Teile eines urbanen Systems, dessen Logik unter dem Druck von Mobilitätswende, Digitalisierung, Klimakrise und gesellschaftlichem Wandel brüchig wird. Die Forschungspublikation zeigt, dass die Zukunft der Stadt nicht darin besteht, immer mehr dieser Strukturen zu ersetzen, sondern ihre verborgenen räumlichen Potenziale als Ausgangspunkt einer zirkulären, gemeinwohlorientierten Stadtentwicklung zu nutzen. Die Inhalte stützen sich auf das Forschungsprojekt „Obsolete Stadt“ der Universität Kassel sowie auf das BBSR-Forschungsvorhaben „Zirkuläre Typologien“.
Die Publikation rückt die gebaute Infrastruktur als städtisches Rohmaterial in den Mittelpunkt. Stefan Rettich, Professor für Städtebau an der Universität Kassel sowie Gründungspartner und Mitinhaber von Karo* Architekten, und Sabine Tastel, Professorin für Stadt- und Freiraumgestaltung an der Technischen Hochschule Köln, zeigen anhand einer präzisen Taxonomie und Typenmatrix, welche strategischen Transformationsräume aus sogenannten Obsentials (obsolete Typen mit Potenzial zur Transformation) und Nuggets (Agglomerationen von Obsentials) in verschiedenen urbanen Strukturen vom Zentrum bis zu den peripheren Rändern entstehen können.
Praxisnah stellt die Publikation Instrumente vor, die weit über klassische Einzelplanungen hinausgehen, darunter neue kommunale Bodenpolitiken, ko-produktive Verfahren sowie die eigens entwickelte Obsoleszenz-Cluster-Methode (OCM), die dabei hilft, ganze Funktionssysteme in ihrer „Abschmelzphase“ zu begreifen und gezielt umzunutzen. Damit fordert das Autorenteam eine Stadterneuerung, die in Netzwerken statt in Parzellen denkt. Am Beispiel der Stadt Hamburg wird der Analyseprozess systematisch aufgezeigt und definiert 24 Nuggets mit Transformationspotenzial.
Über 150 klar gestaltete Grafiken unterstützen die Argumentation und machen das Buch zu einer fundierten Basis für die praktische und systematische Auseinandersetzung mit urbaner Transformation. „Die obsolete Stadt“ liefert einen präzisen Kompass für eine Stadtentwicklung, die die Potenziale des Bestands erkennt und die vorhandene Infrastruktur als Schlüssel einer zirkulären Zukunft begreift.
Erschienen im Jovis-Verlag, 2025,
ISBN 978-3-9861203-4-4
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